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Mobbing: Wie geht das? Ein Fallbeispiel
Frau Sch., Sachbearbeiterin

Frau Sch. ist Anfang Dreissig und arbeitet seit mehreren Jahren erfolgreich als qualifizierte Assistentin in einer Bank. Ihrem Wunsch nach mehr Verantwortung und beruflichen Aufstieg entsprechen ihre Vorgesetzten, indem sie Frau Sch. die Möglichkeit geben, in eine neue Abteilung zu wechseln. Diese besteht aus einem Team von drei Angestellten, die bankintern rekrutiert wurden. Mit der Führung des Teams wurde eine neue Mitarbeiterin betraut, die extern rekrutiert wurde. Schon bald stellen Frau Sch. und ihre beiden Kollegen fest, dass die Arbeitsbedingungen unter der neuen Chefin aufgrund ungenügender Informationen, irreführenden Anweisungen und schwer nachzuvollziehbarer Entscheidungen schwierig sind. Besonders Frau Sch. ist vom ungenügenden Austausch mit ihrer Vorgesetzten betroffen und kann bald ihre Aufgabe mangels Informationen nicht mehr zufriedenstellend erfüllen. Die Situation verschlimmert sich, als die Chefin beginnt, ihr wichtige Arbeitsmittel zu entziehen und die Qualität ihrer Arbeit ständig zu kritisieren. Bei Frau Sch. häufen sich die Fehler nun tatsächlich. Sie verliert zunehmend die Kraft, sich zu wehren und ist gesundheitlich geschwächt. Sie leidet über ein halbes Jahr lang an akuten Verdauungs- und Schlafstörungen sowie an Überempfindlichkeit, Unmut und Launenhaftigkeit. Ihre schlechte Verfassung färbt auch auf ihr Privatleben ab. Sie streitet sich öfters mit ihrem Partner, bis dieser die Beziehung auflöst. Das Team sucht das Gespräch mit der Chefin und deren Vorgesetzten. Als sich diese voll hinter die Chefin stellen, beschliesst die enttäuschte Frau Sch. sich nach einer neuen Stelle umzusehen. Inzwischen hat die Chefin Frau Sch. ohne ihre Einwilligung in eine andere Abteilung aus ihrem Zuständigkeitsbereich versetzt. Am neuen Ort muss Frau Sch. für die Grundausstattung, die sie zur Ausübung ihrer Aufgaben benötigt, mühsam kämpfen. Das Ergebnis sind zusätzliche Schikanen und Erniedrigungen seitens der Chefin. Als bekannt wird, dass Frau Sch. einen neue Stelle innerhalb der Bank gefunden hat, wird sie von der Chefin aus jeglichen Informations- und Mitarbeitergesprächen kategorisch ausgeschlossen. Frau Sch. geht nach knapp einem Jahr, doch die gesundheitlichen Belastungen wirken lange nach. Einmal muss sie aufgrund unerträglicher Bauchschmerzen notfallmässig ins Spital eingeliefert werden. Die Ärzte können keinen organischen Schaden feststellen, empfehlen ihr, sich zu entspannen und zu beruhigen. Frau Sch. sucht Unterstützung zunächst in der Psychotherapie, dann in einer Selbsthilfegruppe. Sie hat bis heute ihre innere Ausgeglichenheit und ihre Gesundheit nicht wiedergefunden.

Quelle: Schüpbach Karin, Torre Rossella (1996) Mobbing - Verstehen, Überwinden, Vermeiden